Österreichische Gesellschaft für Germanistik
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Call for Papers
Tagung der ÖGG zum Thema „Utopien, Dystopien, Retrotopien“
12.-13. November 2026 in Graz

Der CfP richtet sich an Germanistinnen und Germanisten aller Fachbereiche. Ziel ist es, auf der Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Germanistik (ÖGG) in Graz die drei Konzepte Utopie, Dystopie und Retrotopie jeweils zu profilieren, ihre systematischen Zusammenhänge zu klären und ihre text-, diskurs- und medienbezogenen Realisierungsformen zu untersuchen. Im Zentrum können dabei (a) begriffsgeschichtliche und theoriegeleitete Perspektiven, (b) gattungspoetologische und narratologische Analysen sowie (c) sprachwissenschaftliche und diskursanalytische Zugänge zur Semantik und Pragmatik von Zukunfts- und Vergangenheitsentwürfen stehen.
 
Ausgangsüberlegungen
Utopie, Dystopie und Retrotopie lassen sich zunächst als miteinander verschränkte Formen des Zukunfts- und Zeitdenkens beschreiben: Sie entwerfen unterschiedliche Modelle gesellschaftlicher Ordnung, die jeweils aus der Diagnose der Gegenwart hervorgehen und diese zugleich evaluieren. Gemeinsam ist ihnen, dass sie nicht bloß Inhalte (Hoffnungen oder Ängste) abbilden, sondern als Verfahren der Imagination und Darstellung Handlungs- und Deutungsräume eröffnen: Utopie operiert primär mit dem Entwurf des Anderen, Dystopie mit der Zuspitzung des Gefährlichen, Retrotopie mit der Verschiebung des Projektionsraums vom Morgen in ein idealisiertes Gestern.
Utopie ist dabei mehr als ein reines ‚Wunschbild‘. In der Tradition von Morus fungiert sie als kritische Gegenbild-Strategie, die Alternativen zur bestehenden Ordnung überhaupt erst sagbar und verhandelbar macht; sie befragt die Gegenwart, indem sie ein anderes Möglichkeitsarrangement vorführt. Bei Bloch erhält dieses Verfahren als konkrete Utopie eine zusätzliche Pointe: Utopisches Denken erscheint nicht nur als äußerer Entwurf, sondern als im Gegenwärtigen angelegter Möglichkeitsüberschuss, der gesellschaftliche Transformation als realistische Option perspektiviert. Dystopie steht zu dieser Logik in einem komplementären Verhältnis. Sie teilt mit der Utopie den Blick auf Gegenwart durch eine nicht-gegenwärtige Perspektive, kehrt jedoch die Bewertungsrichtung um: Wo Utopie Möglichkeiten öffnet, markiert die Dystopie die Schattenseite derselben Modernisierungsdynamiken, indem sie gegenwärtige Tendenzen in Zukunftsbildern als Warn- und Krisenszenarien dramatisiert. So werden Utopie und Dystopie zu zwei Seiten eines gemeinsamen Reflexionsmodus: Beide übersetzen Gegenwartsdiagnosen in Zeitmodelle, die normative Urteile über wünschbare oder zu vermeidende Ordnungen transportieren.
Die Retrotopie setzt an dieser gemeinsamen Struktur an, verschiebt jedoch den zeitlichen Fluchtpunkt. Mit Bauman lässt sich Retrotopie als Reaktion auf den ambivalenten Status von Gegenwart und Zukunft beschreiben: Wenn beide als unsicher, bedrohlich oder politisch unverfügbar erlebt werden, kann die utopische Energie in die Vergangenheit umgeleitet werden. Retrotopie ist damit weder einfach ‚Utopie rückwärts‘ noch bloße Nostalgie, sondern ein spezifisches Zeitregime, das ebenfalls die Gegenwart durch ein Gegenbild bewertet, den Kontrast jedoch nicht als noch-nicht, sondern als nicht-mehr und hoffentlich-wieder organisiert. In diesem Sinn kann Retrotopie auch dystopische Diagnosen integrieren: Die Angst vor dem Kommenden (dystopischer Affekt) stabilisiert dann die Sehnsucht nach dem Gewesenen (retrotopischer Entwurf), während umgekehrt retrotopische Ordnungsphantasien selbst dystopische Exklusions- und Feindsemantiken hervorbringen können.
Wie diese narrativen Strategien ästhetisch gestaltet und in literarische, aber auch andere textuelle Formen gegossen werden und welche im weiteren Sinn ideologischen Ziele damit verfolgt werden, soll im Rahmen der Tagung möglichst fachübergreifend, d.h. aus den Perspektiven der Fachbereiche der Germanistik diskutiert werden.
 
Auswahlbibliographie
Bauman, Z. (2017): Retrotopia. Cambridge. (dt.: Retrotopia. Übers. Frank Jakubzik, Frankfurt a. M.).
Bloch, E. (1954–1959): Das Prinzip Hoffnung. 3 Bde. Berlin.
Rosa, H. (22016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin.
Vejvar, M. und Streitler-Kastberger, N. (Hrsg.) (2023): Utopie und Dystopie: Beiträge zur österreichischen und europäischen Literatur vom 18. bis zum 21. Jahrhundert. Berlin/Boston.
Danowski, D. & Viveiros de Castro, E. (2017): The ends of the world. Cambridge.
Fried, J. (2016): Dies irae. Eine Geschichte des Weltuntergangs. München.
Horn, E. (2014): Zukunft als Katastrophe. Frankfurt a.M.
Kiesel, H. (2025): Schreiben in finsteren Zeiten. München.
Kosellek, R. (1989): Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt a.M.
Lindenau, M.& Meier Kressig, M. (Hrsg.) (2025): Endzeitstimmung? Vom Umgang mit einer verunsicherten Welt. Bielefeld.
Schölderle, T. (22017): Geschichte der Utopie. Köln u.a.
Storck, T. & Meier, T. (2025): The future of utopian narratives: Emotional Future-Capability as a way to deal with discontinuous times. Cultura & Psyché (Special Issue on Futures Literacy and Future Skills), 6 (11).
 
Formales
Wir bitten um die Einreichung eines Abstracts (max. eine Seite bzw. 2.500 Zeichen) sowie einer kurzen bibliographischen Notiz. Eine Publikation wird angestrebt. Im Rahmen der Tagung plant das ÖGG-Nachwuchsnetzwerk einen Slot zum Thema „Karrieremodelle für Germanist:innen“. Die ÖGG bemüht sich um Reisemittel für Nachwuchswissenschaftler:innen.
Einreichungsfrist der Abstracts: 20.06.2026 (Benachrichtigung: Ende Juni)
Kontakt: Georg Weidacher ([email protected]) & Isabella Managò ([email protected]) & Sebastian Meißl ([email protected])


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